Foto-Experimente eines Künstler-Duos

Aleatorische Fotografie

Mit dem Titel "Aleatorische Fotografie" präsentieren der Holzschneider Klaus Olbert und der Maler Rolf Spiess, beide aus Sindelfingen, fotografische Arbeiten, die den üblichen Rahmen einer Ausstellung sprengen. Mit aleatorisch ist "vom Zufall bestimmt" gemeint und Zufall ist im Spiel, was die Aufnahmen und die Präsentation der Werke betrifft. Als Experimentierfeld dient die Böblinger Galerie Contact, wo die Ausstellung am Sonntag, den 22. Februar um 17.30 Uhr eröffnet wird. Ein Interview mit Klaus Olbert erläutert das Projekt:

 

Fotografie ist nicht nur seit der documenta X in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkt eingezogen. Künstler wie Thomas Ruff, Lothar Baumgarten oder Gerhard Richter sind nur einige Namen, die in Museen und Galerien das Publikum anziehen. Das Gespräch mit Klaus Olbert erklärt viele Verbindungen der Fotografie mit und als Bildende Kunst.

frage: Was bewegt nun einen Maler bzw. einen Künstler, der sich seit Jahren mit dem Holzschnitt beschäftigt eine Kamera in die Hand zu nehmen?

Olbert: Daß ich fotografiere ist nichts Neues. Fast jeder Künstler tut es. Ein Fotoapparat ersetzt in der heutigen Zeit manchmal den Skizzenblock. Trotzdem ist auch die Fotografie kein perfektes Abbild der Wirklichkeit. Das ist ein großes Mißverständnis für viele Menschen.

frage: Wie ist das gemeint?

Olbert: Eine Kamera wie diese LOMO ist ein großer Inspirator. Sie spielt den flüchtigen Blick in flüchtiger Blick die Hände des Operateurs. Schnelligkeit, Zufälligkeit und Intuition ergänzen einander.

frage: Was hat eine "LOMO", eine russische Kompaktkamera, was andere Fotoapparate nicht haben?

Olbert: Naja, die LOMO hat Charakter, denn sie hat ihr eigenes Auge. Und sie ist eigenwillig ­ das kann man aber nicht erklären. Hinzu kommt die Idee der "Lomografischen Bewegung", die Kamera als Alltagsgerät einzusetzen und Bilder ganz spontan aus "der Hüfte" zu schießen. Das war für uns nicht neu, hat aber Rolf Spiess und mich fasziniert, so daß wir uns gleich eine LOMO bestellt haben.

frage: Also entstehen "zufällige Bilder", weil man nicht immer durch den Sucher sieht?

Olbert: Ja, denn der Bildausschnitt kann so nicht gewählt werden und man kann so keine kompositorischen Vorentscheidungen treffen. Auch durch das (un-) bewußte Verwackeln beim Auslösen entstehen Bilder mit gelenkter Zufall z.T. malerischer Qualität.

frage: Zufall als künstlerisches Mittel, das hat etwas von Beliebigkeit.

Olbert: In der Kunst kennt man seit den Surrealisten die "ecriture automatique", ein Verfahren in der Literatur, wo man den Zufall, die Eingebung als gewolltes (Stil-) mittel einsetzt. Maler wie Max Ernst haben das fortgeführt und das reicht über den "Tachismus" bis in die heutige Zeit, wo der "gelenkte Zufall" in der abstrakten Malerei eine wichtige Rolle spielt.

frage: Die Lomografen stellen ihre Arbeiten gerne auf großen Tableaus, der "Lomo-Wand", aus. Wird in der Ausstellung ähnliches zu sehen sein?

Olbert: Diese Wände, wo Bilder durch Reihungen, Wiederholungen und der nahtlosen Anordnung ein Muster, einen Rapport erzeugen, haben gewiß ihren Reiz. Das ist uns aber zu verspielt. Das erzeugt Effekte und manch-

Würfel und Explosion

mal nicht mehr. Wir wer den diese Idee nur am Rande aufgreifen. Andererseits werden wir die Idee vom Zufall in der Präsentation unserer Arbeiten noch weiter ausbauen und die Reihenfolge der einzelnen Bilder bzw. Elemente "auswürfeln", wie es z.B. John Cage als Verfahren für seine Kompositionen eingesetzt hat.

frage: Das heißt, es wird ausgewürfelt, wo und welches Bild zum Einsatz kommt.

Olbert: Bei einigen Bildern bzw. Bildgruppen wird das so geschehen. Wir werden aber bei der Hängung bzw. der Präsentation die Bilder explosionsartig im Raum verteilen. Es werden Ballungen und Lücken entstehen. Der ganze Ausstellungsraum soll einbezogen werden.

frage: Wie werden sich die Fotoarbeiten von zwei Künstlern in einem Raum vertragen?

Olbert: Unsere Bilder werden zum Teil unterschiedlich präsentiert. Rolf Spiess wird seine Bilder z.T. zu Objekten verarbeiten und ich werde u.a. meine Bilder auch als "Blow-Ups", mit dem Fotokopierer vergrößerte Aufnahmen, zeigen. Hier interessiert mich vorallem das "Graphische" im Schwarz-Weiß-Bereich, wie in meinen Holzschnitten auch.

Ein weiteres Element wird sein, daß wir einen Teil unsere Arbeiten ganz unzensiert gegenüberstellen. Wir haben in einem Zeitraum von vier Tagen einige Bilder absolut zeitgleich fotografiert, obwohl ich zu der Zeit in Freiburg war und Rolf Spiess hauptsächlich in Stuttgart und Sindelfingen fotografiert hat. Das haben wir zu Beginn unseres Projekts so verabredet.

frage: Also kommen auch Elemente des Dokumentarischen dazu, eines Tagebuches?

Olbert: In diesen Bildern steckt vorallem die Geschichte, was der einzelne genau an diesem Tag, zu dieser Stunde getan hat. Daraus können ganz neue Geschichten entstehen. Wir lassen uns da selbst überraschen.

 

Böblingen, Galerie Contact
Marktgässle 4
22. Februar bis 8. März
Do bis So 17.00 -20.00 Uhr
Vernissage:
So, 22. Februar, 17.30 Uhr

 

Infos im Internet:
www.disinfo.de/lomo